Über Mediengeschichte, KI und einen Vertrag, der schon länger bröckelt.
Der Ort, an dem alles anfing
In unserem Modul „Von Text bis Podcast mit KI“ an der Technischen Hochschule Wildau sollen Inhalte nicht nur erklärt werden — sie sollen erlebbar sein. Deshalb machen wir in der dritten Vorlesung eine Exkursion zur „Wiege des Rundfunks“.


Der Funkerberg in Königs Wusterhausen ist Rundfunkgeschichte schlechthin. Am 22. Dezember 1920 — noch bevor die Funk-Stunde Berlin im Vox-Haus 1923 den regulären Sendebetrieb aufnahm — übertrug er das erste öffentliche Rundfunkkonzert Deutschlands: ein Weihnachtskonzert, gespielt von Postbeamten auf mitgebrachten Instrumenten. In Deutschland war das Abhören von Funkwellen damals offiziell verboten. Die Empfangsberichte kamen trotzdem — aus England schrieb jemand, die Sprache sei so klar zu hören gewesen, als stehe der Sprecher im Nebenraum.
Rainer Suckow, Vorsitzender des Fördervereins „Sender Königs Wusterhausen“ und einer der Menschen, die diesen Ort seit Jahrzehnten lebendig halten, führt uns dort durch die Geschichte der Medienentwicklung — und stellt dabei eine Frage, die mich seitdem nicht loslässt: Wie wollen wir in Zukunft Vertrauen?
Echtheit als Vertrauensanker — und warum das nicht mehr reicht

Stufe 1 — Live: Was du hörst oder siehst, passiert gerade. Gleichzeitigkeit war der Echtheitsbeweis. Vertrauen entstand automatisch, fast ohne Nachdenken.
Stufe 2 — Aufzeichnung (Schallplatte): Zeit wurde entkoppelt. Du weißt nicht mehr, wann etwas war — aber du konntest noch davon ausgehen, dass es genau so stattgefunden hat. Die Schallplatte dokumentierte Wirklichkeit, ohne sie verändern zu können.
Stufe 3 — Schnitt (Tonband): Das Tonband veränderte alles. Man konnte Passagen entfernen, Inhalte neu aneinanderreihen, Aussagen aus dem Kontext lösen. Hier begann die Möglichkeit, Wirklichkeit zu formen — aus welchem Grund auch immer. Das erzeugte, über die Zeit, ein neues Bewusstsein: Inhalte konnten nicht mehr einfach als wahr vorausgesetzt werden. Die Gesellschaft antwortete darauf — nicht sofort, aber mit der Zeit: mit Redaktionen als Vertrauensinstitutionen, mit Faktenchecks, mit Pressekodizes.
Stufe 4 — KI: Inhalte können vollständig synthetisiert werden. Weder Zeit noch Inhalt noch Herkunft sind noch zuverlässige Anker. Und das skaliert — schnell, günstig, überzeugend.
Eine besondere Rolle spielen dabei Internet und soziale Medien — nicht als Stufe der Inhaltsveränderung, sondern als Verbreitungsrevolution. Plötzlich konnte jeder alles teilen, jeder konnte den Anschein von Autorität erzeugen, Menge ersetzte Qualität als Glaubwürdigkeitssignal. Die Nachricht selbst blieb zunächst unverändert — aber wer sie sendete, wie oft sie geteilt wurde, in welchem Netzwerk sie auftauchte, das alles wurde zum neuen Maßstab für Glaubwürdigkeit.
Jede dieser Entwicklungen hat die Gesellschaft ein bisschen umgebaut. Neue Berufe entstanden, neue Institutionen, neue Formen von Medienkompetenz. Wir haben uns jedes Mal neu sortiert. Wir sind gerade wieder mitten in so einem Sortierprozess — und der fühlt sich chaotisch an, weil er chaotisch ist.
Echtheit als Heuristik — und ihr Ende
Echtheit hat lange als Beweis für Vertrauen funktioniert: Ein Foto beweist, dass etwas so war. Eine Stimme beweist, dass jemand so gesprochen hat. Das hat nie vollständig gestimmt — Fotos wurden schon immer ausgewählt, beschnitten, inszeniert — aber der Aufwand für Manipulation war hoch genug, dass Echtheit als Heuristik taugte.
Jetzt taugt sie nicht mehr. Und das ist das eigentliche Problem: Nicht, dass es Fakes gibt. Sondern dass das Gehirn einen seiner wichtigsten Abkürzungswege verliert.
Vertrauen ist, neurologisch betrachtet, kein rationaler Entscheidungsprozess — es ist ein Shortcut. Das Gehirn kann nicht alles prüfen; wir würden im Alltag gelähmt sein, wenn wir jede Information von Grund auf verifizieren müssten. Also baut es auf gelernte Muster: Gesicht, Stimme, Wiederholung, Vertrautheit, Gleichzeitigkeit — und eben: Echtheit.
Ein Vertrag, der bröckelt
Echtheit war ein gesellschaftlicher Vertrag — ein implizites Einverständnis darüber, was als Beweis gilt. Was als real anerkannt wird. Wem man glauben darf.
Dieser Vertrag bröckelt. Nicht erst seit KI — das Internet hat dazu beigetragen, soziale Medien ebenso. Aber KI hat die Geschwindigkeit und Skalierung grundlegend verändert — bevor wir uns auf neue Regeln einigen konnten.
Vertrauen war immer auch ein Sicherheitsmechanismus — in Medien, in Institutionen, in digitale Systeme. Wenn die Grundlage bröckelt, verändert das nicht nur, was wir glauben. Es verändert, wie Angriffe funktionieren, was als Bedrohung gilt, wer als vertrauenswürdig zählt.
Das hat Konsequenzen weit über die Cybersicherheit hinaus. BSI-Präsidentin Claudia Plattner formulierte es im April 2026 mit Blick auf das neue KI-Modell Claude Mythos von Anthropic so:
„Konsequent zu Ende gedacht könnte es mittelfristig keine unbekannten klassischen Software-Schwachstellen mehr geben. Dies hätte einen Paradigmenwechsel mit Blick auf die Cyberbedrohungslage zur Folge.“
— BSI, LinkedIn, April 2026 (Claudia Plattner, Präsidentin des BSI)“
Aber der Paradigmenwechsel reicht weiter. Ein Kommentator unter dem BSI-Beitrag traf einen Nerv — sein Beitrag war der meistgelikte der gesamten Diskussion mit 82 Kommentaren:
„Die eigentliche Frage ist vielleicht keine Cybersecurity-Frage mehr, sondern eine der digitalen Souveränität: Wer sitzt am Tisch, wenn entschieden wird, wer diese Werkzeuge bekommt?“
— Kommentar zum BSI-LinkedIn-Post, April 2026
Vertrauen ist eben nicht nur eine technische Frage. Es ist eine politische, eine kulturelle, eine zutiefst menschliche.
Woran macht man Vertrauen dann noch fest?
Die neue Frage lautet: Woran macht man Vertrauen dann noch fest? Mögliche Antworten — alle mit ihren eigenen Tücken:
- Herkunft (Wer hat das veröffentlicht?) — aber Institutionen können auch täuschen.
- Konsistenz (Stimmt das mit anderen Quellen überein?) — aber Fakes können skalieren.
- Beziehung (Kenne ich die Person?) — vielleicht das Robusteste, aber nicht auf Gesellschaft skalierbar.
- Nachvollziehbarkeit (Kann ich den Entstehungsweg verstehen?) — funktioniert, ist aber aufwändig.
Keiner dieser Anker trägt allein. Aber zusammen ergeben sie etwas, das ich Vertrauenskompetenz nennen würde: die Fähigkeit, nicht blind zu vertrauen und nicht blind zu misstrauen — sondern begründet.
Future Skills: Die gesellschaftliche Antwort
Medienkompetenz im KI-Zeitalter lässt sich, aus meiner Sicht, nicht auf eine einzige Kompetenz reduzieren. Der Stifterverband beschreibt in seinem Future-Skills-Framework 2030 dreißig Zukunftskompetenzen — und ich sehe mehrere davon hier unmittelbar zusammenwirken:
- Kritisches Denken — Informationen und Argumente systematisch hinterfragen und bewerten. Das ist der Kern von „vertraut anders, wisst warum“.
- Selbstkompetenz und Reflexion — Im Framework explizit verankert: die Fähigkeit, die eigene Urteilsbildung zu beobachten und zu hinterfragen.
- Informationskompetenz und AI Literacy — naheliegend, aber eben nicht die einzigen relevanten Skills.
- Ethische Kompetenz — Was teile ich weiter? Was halte ich für wahr, und welche Verantwortung trage ich damit?
Diese Kompetenzen hängen zusammen — und zusammen bilden sie das, was ich als Vertrauenskompetenz verstehe.
(Quelle: Future-Skills-Framework 2030, Stifterverband)
Vertrauen als Voraussetzung für alles andere
Hier greift ein Gedanke, der mich schon länger beschäftigt — er stammt aus dem Bereich des Wissensmanagements, trifft aber den Kern:
Simon Dückert stellt in seinem Newsletter Keep Calm & Learn On (13. April 2026) das ganzheitliche Wissensmanagement-Modell von Bullinger, Wörner und Prieto (1998) vor — und dessen Kernaussage ist erstaunlich direkt:
„Der Erfolg von Wissensmanagement […] ist zu 80% organisatorischen und kulturellen Ursprungs – und nur zu 20% technologischen.“
— Bullinger, Wörner & Prieto (1998), zitiert nach Simon Dückert, Keep Calm & Learn On, 13. April 2026
Die entscheidende Dimension ist der Mensch — und Dückert formuliert, was das konkret bedeutet:
„Wissen weiterzugeben ist kein Selbstläufer: Mitarbeiter tun es nur dann, wenn Offenheit, Ehrlichkeit und gegenseitiges Vertrauen die Zusammenarbeit prägen.“
— Simon Dückert, Keep Calm & Learn On, 13. April 2026
Das lässt sich direkt übersetzen — weit über Organisationen hinaus: Man kann AI Literacy nicht lehren, Medienkompetenz nicht vermitteln, keine Future Skills aufbauen, wenn das Vertrauen in die Lehrenden, die Institutionen oder die Aussagen schon gebrochen ist. Aus meiner Sicht ist Vertrauenskompetenz daher nicht ein Future Skill unter dreißig — sondern die Voraussetzung dafür, dass alle anderen greifen können.
Schluss: Vertraut anders
Internet, KI, soziale Medien — sie haben einen echten Wert. Wenn man sie reflektiert benutzt. Aber ohne Reflexion und ohne neue Formen des Vertrauens werden wir die Möglichkeiten nicht nutzen können — weder als Individuen noch als Gesellschaft.
Die Heuristik „Echtheit“ hat uns früher diese kognitive Arbeit erleichtert — das war effizient, nicht naiv. KI verspricht jetzt noch mehr Abkürzungen. Aber das Ergebnis — ob ich etwas für wahr halte, wem ich vertraue — das ist und bleibt meine Verantwortung. Das kann ich nicht delegieren. An Institutionen nicht, an Algorithmen nicht.
Die Botschaft dieses Beitrags ist nicht: Vertraut weniger, sondern Vertraut anders. Und wisst, warum.
